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Zwischen der x- und der y-Achse schwebt ein Flugzeug über das Schaubild, direkt am kurvigen Graphen vorbei. Zwanzig Mädchen im Teenageralter blicken konzentriert zur Tafel auf die Zeichnung ihrer Mathelehrerin. Es geht um die praktische Anwendung

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AUTORENVERMERK

 

mathematischer Gleichungen. „Ob beim Fliegen, in der Architektur oder beim Maschinenbau – viele Dinge in unserem Leben beruhen auf solchen Formeln“, erklärt Maneela Mahdi. Dann hält sie einen Moment inne und schaut in die Gesichter ihrer Schülerinnen. „Habt ihr das Prinzip begriffen?“, fragt sie mit ruhiger Stimme. „Wir schauen uns alles noch einmal in Gruppen an.“ Sofort scharen sich die Zwölft­klässlerinnen in drei Gruppen um die Klassentische und rechnen die Gleichungen gemeinsam nach. Dabei geht Mahdi herum und schaut den Schülerinnen über die Schulter. Zehn Minuten später lädt sie nacheinander ein Mädchen von jeder Gruppe zur Präsentation nach vorne ein. Dank der guten Vermittlung des Schulstoffs stellen sie ohne Scheu das Erlernte mit ihren eigenen Worten vor.

Die Literaturwissenschaftlerin Deeda Shakeb vor der Ikone der afghanischen Poesie: dem Nationaldichter Rumi. Die 29-Jährige arbeitet am Lehrerbildungsinstitut Faizabad.
Die Literaturwissenschaftlerin Deeda Shakeb vor der Ikone der afghanischen Poesie: dem Nationaldichter Rumi. Die 29-Jährige arbeitet am Lehrerbildungsinstitut Faizabad.

Seit zwölf Jahren unterrichtet Mahdi Mathematik an der Mädchenschule Khairabad in der nordafghanischen Provinz Badachschan. Gut 1.300 Schülerinnen aus der Kleinstadt und den umliegenden Dörfern besuchen derzeit die Klassen 1 bis 12. Ihr eigener Schulstart war indes alles andere als leicht. Die Afghanin stammt aus einem bildungsfernen Umfeld, Vater und Mutter sind Analphabeten. „Ich habe mich schon als Kind für geometrische Formen interessiert“, erinnert sich Mahdi. Später ging sie in ihrer Heimatstadt zu Nachbarn und Freunden, die etwas von Mathe verstanden, bekam Nachhilfe, notierte sich Erlerntes, büffelte in Büchern Algebra. Sie war die erste Schulabsolventin in ihrer Familie.

Mit ihrem Schulwissen und ihrer Begeisterung für ihre „geliebte Mathematik“ begann sie ohne Studium und pädagogische Ausbildung zu unterrichten. „In den ersten Jahren habe ich den Lehrstoff einfach frontal auf meine Schülerinnen abgeladen“, erinnert sich Mahdi. „Dafür mache ich mir jetzt manchmal noch Vorwürfe.“ Inzwischen sind Gruppenarbeit und interaktive Unterrichtsgestaltung für die 31-Jährige selbstverständlich. „Seit ich modernere didaktische Methoden anwende, ist das Interesse am Lernstoff gestiegen“, sagt Mahdi. „Die Motivation ist höher und die Mädchen bleiben seltener dem Unterricht fern.“

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    © Lennard Kehl

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Diesen Quantensprung im Unterricht bewirkten Seminare, an denen Maneela Mahdi in den vergangenen Jahren teilgenommen hat. Sie ist eine von mehr als 8.000 afghanischen Lehrkräften, die seit 2009 in Schulungen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität in den vier nördlichen Provinzen des Landes weitergebildet wurden. Die GIZ organisiert diese pädagogischen Förderprogramme im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der  Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Ziel ist die Steigerung des Lernniveaus im afghanischen Grund- und Sekundarschulunterricht.

„Manche Lehrer haben es zwar bis zur Hochschulreife gebracht, doch es mangelt ihnen an Praxiserfahrung und pädagogischem Geschick“, sagt Niazmohammad Puya von der GIZ, der selbst als Dozent in der Lehrerausbildung gearbeitet hat. „Außerdem ist mangelnde Motivation unter der Lehrerschaft ein großes Problem. Das Gehalt ist kein Anreiz, denn das fällt in Afghanistan gering aus. Der Lehrerberuf muss eine Herzensangelegenheit sein.“ Wie bei Maneela Mahdi, die mit einem Monatseinkommen von rund 7.000 Afghani (etwa achtzig Euro) anfangs für den ganzen Haushalt ihrer Familie aufkommen musste. Ihre ersten Lehrergehälter setzte sie für die Ausbildung ihrer jüngeren Brüder ein. Einer der beiden, erzählt sie mit Tränen in den Augen, sei später als Soldat im Gefecht mit den Taliban gefallen. Weniger als zehn Kilometer von der Mädchenschule entfernt beginnt das Territorium der Aufständischen.

Bildung als Waffe

Doch die beste Waffe gegen den Extremismus der Taliban ist Bildung, da ist sich Mahdi sicher. Sie ist von ihrer Aufgabe so sehr überzeugt, dass sie im vergangenen Jahr sogar ihren dreimonatigen Mutterschutz auf wenige Wochen verkürzte, um die Schülerinnen in ihrer schulischen Laufbahn nicht zu lange alleine zu lassen. Die alltäglichen Herausforderungen an der Mädchenschule sind vielfältig: fehlende Lehrmaterialien und überfüllte Klassen sowie Familien, die kein Geld für Schuluniform und Schreibzeug aufbringen können, oder Schülerinnen, die früh verheiratet schwanger werden und dann die Schule abbrechen. „Manchmal kommen die Mädchen mit ihren persönlichen Problemen zu mir, ich versuche dann zu helfen“, erzählt die Mathelehrerin nach dem Unterricht.

Es ist Mittag geworden und eine Lehrerin schlägt mit einem Stock an die von einem Pfosten baumelnde Schulglocke. Sie besteht aus einer rostigen Metallflasche, die einst in einem sowjetischen Panzer eingebaut war – ein symbolisches Überbleibsel der Kriegsjahre. Dann füllt sich der Schulhof mit Mädchen aller Altersstufen.

Maneela Mahdi hat ihre Liebe zur Mathematik zum Beruf gemacht. Sie unterrichtet an der Mädchenschule Khairabad in Nordafghanistan.
Maneela Mahdi hat ihre Liebe zur Mathematik zum Beruf gemacht. Sie unterrichtet an der Mädchenschule Khairabad in Nordafghanistan.

Gruppenarbeit statt Paukerei

Von der Schule fährt man eine Stunde bis in die Provinzhauptstadt Faizabad. Die Strecke führt durch eine postkartenhafte Berglandschaft. Immer wieder tauchen auf der wenig befahrenen Straße Nomaden mit ihren großen Schafherden auf. In Faizabad steht das regionale Bildungsinstitut für Lehrkräfte. Es bietet angehenden Lehrer*innen eine zweijährige Ausbildung in einem von sieben verschiedenen Fachbereichen, beispielsweise Naturwissenschaften, Englisch oder Islamische Theologie. Zum Lehrplan gehören auch Kurse wie Friedenserziehung oder Gender und Menschenrechte.

Den Fachbereich für die afghanische Sprache Dari leitet die 29-jährige Deeda Shakeb, die nach ihrem Bachelor in Persischer Literatur ihren Master in Schweden absolvierte. Über persönliche Kontakte zu internationalen Organisationen hatte sie ein Stipendium für diese Qualifikation im Ausland bekommen. Das ist in Afghanistan aber eine große Ausnahme. Die Sprachwissenschaftlerin strahlt Selbstbewusstsein aus und Begeisterung für Bildung. Über ihren Schreibtisch verstreut liegen Lehrpläne und Unterrichtsblätter. Hinter ihr ist ein Bild des afghanischen Nationaldichters Rumi zu sehen. Er war einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters. Shakeb leitet Didaktikfortbildungen für Dozent*innen in der Lehrerausbildung, auch für die GIZ. „Eine der wichtigsten Eigenschaften einer guten Lehrerin ist Flexibilität“, sagt Shakeb. „Das bedeutet, die Methoden der Situation und den Bedürfnissen der Lernenden anzupassen.“

DAS PROJEKT IN ZAHLEN
26.000 Studierende
sowie Lehrkräfte und Dozent*innen wurden bisher aus- und fortgebildet.
Über 40 Prozent Frauen
wurden in den Schulungen qualifiziert.

Kontakt: Dieter Göpfert; dieter.goepfert@giz.de

In Shakebs Dari-Stunden lernen die angehenden Lehrerinnen auf zwei Ebenen gleichzeitig: inhaltlich und methodisch. In der heutigen Klasse erklärt Shakeb 16 jungen Frauen im dritten Semester Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen klassischer und zeitgenössischer Lyrik. Nach einer Gruppenarbeit stehen zwei überlappende Kreise an der Tafel. Die Gemeinsamkeiten von Lyrik aus unterschiedlichen Epochen bilden die Schnittmenge. „Wie sind wir nun von der Ausgangsfrage zu diesem Diagramm gekommen?“, fragt Shakeb nach. Eine der Studentinnen steht auf und fasst noch einmal die Lernschritte und angewendeten Unterrichtsmethoden zusammen.

Shakebs Studentinnen stammen aus verschiedenen Bezirken im Norden Afghanistans und hoffen, bald eine gute Lehrerstelle zu finden. Die 21-jährige Fereshta Mahmudi entschied sich für das Fach Dari, weil sie auf dem Gymnasium selbst eine Lehrerin hatte, die sie für Literatur begeisterte. Was sie an ihr schätzte? „Sie kümmerte sich um alle Schüler gleichermaßen, unabhängig von ihrer Intelligenz“, sagt die junge Frau mit dem knallroten Kopftuch. „Eine solche Lehrerin möchte ich auch werden.“

Maneela Mahdi hat diesen Schritt schon lange hinter sich. Sie ist sich bewusst, wie wichtig gute Lehrer*innen für die Zukunft Afghanistans sind. „Die größten Probleme in Afghanistan sind Bildungsmangel und die daraus erwachsende Arbeitslosigkeit“, sagt sie. „Das schafft den Nährboden für Krieg und Gewalt.“ Dagegen arbeitet sie jeden Tag. Als die junge Mutter von ihrer vier Monate alten Tochter zu erzählen beginnt, erfüllt ein Lächeln ihr Gesicht. „Ich möchte, dass mein Kind einmal die Gelegenheit hat, bis zu einem Masterabschluss zu studieren. Dafür muss sie in Frieden aufwachsen können. Dies ist mein größter Wunsch.“

aus akzente 3/19

 

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