Überblick

Wo Frauen die Städte erobern

Überall auf der Welt dominieren Männer das Zusammenleben in den Städten. In Wien sind neun von zehn Straßen nach einem Mann benannt, Nairobi bietet Frauen kaum Raum für Privatsphäre. Wir zeigen fünf ungewöhnliche Initiativen von Städterinnen für Städterinnen.

In den Städten Lateinamerikas

Nirgendwo leben prozentual mehr Menschen in Städten als in Nord- und Südamerika: Der Anteil der Stadtbevölkerung beträgt laut UN-Habitat um die 80 Prozent. Kein Wunder, dass sich Frauen über Lateinamerika hinweg zusammengeschlossen haben, um für bessere Verhältnisse und mehr Gleichberechtigung in den Städten zu kämpfen. „Red Mujer y Hábitat América Latina y Caribe“ heißt die Nichtregierungsorganisation, die sich 1989 gegründet hat, um Frauen und ihren Anliegen besser Gehör zu verschaffen. Das Netzwerk, das in 14 Ländern vertreten ist, setzt sich aus Institutionen und Einzelpersonen zusammen, die das Ziel eint, Frauen in Städten im wahrsten Sinne des Wortes mehr Raum zu geben. Zu den Themen, die sie bewegen, gehören die Forderungen nach sichereren Städten, bezahlbarem Wohnraum, angemessenen Dienstleistungen und Beteiligung an lokalen Entscheidungen. Dazu entwickeln sie Initiativen, Programme und Projekte und teilen ihre Erkenntnisse mit Gruppen aus den anderen Ländern. So gibt es zum Beispiel Ableger in Rio de Janeiro, Quito, Managua oder San Salvador.

 


 

In den Planungsämtern von Wien

Viele Städte haben bisher Anliegen von Familien und Frauen zu wenig berücksichtigt: Es gibt zu wenig öffentliche Toiletten, Autos haben mehr Raum als Busse, Plätze in Kindertagesstätten fehlen, Spielplätze sind schmuddelig. Das galt lange Zeit auch für Wien. Inzwischen gibt es in Öster­reichs Hauptstadt ein „Gender Planning“, bei dem gezielt die unterschiedlichen Ansprüche und Interessen verschiedener Gruppen mitberücksichtigt werden müssen. Als Folge der „gendersensiblen Planungsprozesse“ sind Gehwege breiter geworden, weil Frauen traditionell mehr zu Fuß gehen. Straßen sind besser beleuchtet, Wege besser einsehbar, damit öffentliche Räume sicherer werden. Zu den Zielen gehört auch, die überbordende männliche Dominanz bei der Vergabe von Straßennamen aufzuweichen. Deren Quote lag bis vor einigen Jahren bei über 90 Prozent. Inzwischen findet man auf den Straßenschildern Wiens immer häufiger auch Namen wie Christine Nöstlinger, Autorin; Maria Trapp, Sängerin; oder Rosa Tree, Unternehmerin.

 


 

 

In den Slums von Nairobi

In den Slums von Nairobi

Kibera ist ein Slum im Südwesten von Kenias Hauptstadt Nairobi und einer der größten in Afrika. Hier reiht sich Hütte an Hütte, meist ohne Zugang zu sauberem Wasser, Toiletten oder Duschen. Müll säumt die schlammigen Wege. Besonders hart ist das Leben dort für Mädchen und Frauen, weil sie für ihre Hygiene eigentlich ein wenig Privatsphäre bräuchten, die es meist nicht gibt, und weil Sicherheit immer ein Thema ist. Für bessere Perspektiven im Leben organisiert und finanziert „Women for Women in Africa“ Kurse und Klassen für Mädchen und junge Frauen in Kibera. Sie lernen lesen und schreiben und sollen, wenn möglich, auch einen Schulabschluss erreichen, damit sie unabhängiger und freier werden können.

 


 

Auf den Straßen von Khobar

Manal al-Sharif hat in Saudi-Arabien eine Kampagne gegen das Frauen-Fahrverbot namens „Women2Drive“ angestoßen. Im Mai 2011 ließ sie sich in der Stadt Khobar von einer Freundin beim Autofahren filmen und postete das Video im Internet. In dem arabischen Land durften Frauen bis dato das Steuer nicht selbst in die Hand nehmen, was Manal al-Sharif im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß fand. Dafür kam die junge Frau sogar für kurze Zeit ins Gefängnis. Aber ihr Engagement hat sich gelohnt: Sie brachte damit eine Bewegung in Gang und erreichte letztlich, dass Frauen in Saudi-Arabien seit 2018 Führerschein machen und fahren dürfen.

 


 

 

"Guerrilla Girls“

 

In Museen weltweit

Die Kunstszene ist männlich. Zu diesem Schluss kamen 1985 sieben New Yorker Künstlerinnen anlässlich der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art (MoMA), das damals den Anspruch erhob, die bedeutendsten zeitgenössischen Künstler*innen der Welt abzubilden. Tatsächlich waren unter ihnen aber nicht einmal zehn Prozent Frauen. Das wollte die Gruppe nicht hinnehmen und entschied sich für eine außergewöhnliche Form des Protests: Sie schlossen sich zu den „Guerrilla Girls“ zusammen und machen sich seither mit Gorilla-Masken für ihre Anliegen stark. Die Aktivistinnen tragen sie entweder live oder markieren damit Poster, Flyer etc. Die Frauen bleiben stets anonym; bis heute ist unklar, wie viele Mitglieder die Vereinigung hat. In vielen großen Städten und Museen dieser Welt prangern sie die Benachteiligung von Frauen an. Neben New York etwa auch in Madrid, London, Paris oder Köln.

aus akzente 2/2020