Inspirierende Orte des Lernens

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Libanon Inspirierende Orte des Lernens
Reportage
08/2021

Inspirierende Orte des Lernens

Im Libanon weisen Verbesserungen an öffentlichen Schulen den Weg für eine nachhaltige Bildung für alle.

Text
: Olivia Cuthbert
Fotos
: Natheer Halawani

Früher sorgte sich Najwa Bou Chakra um den Ruf ihrer Schule. Es gab eine  Menge Probleme – das Dach war undicht, die Klassenzimmer zugig. Und im Winter wurden die Räume so kalt, dass die Schülerinnen und Schüler zu Hause bleiben mussten. Dann war da noch das Vorschulgebäude, marode und notdürftig in mehrere Räume unterteilt. „Wenn Eltern kamen, um ihre Kinder anzumelden, und den Zustand sahen, dann schreckte sie das ab“, erinnert sich die Leiterin der öffentlichen Schule in Amatour, einer libanesischen Kleinstadt südlich von Beirut. Aber da schon die laufenden Kosten das Budget restlos auffraßen, ließ sich nur wenig tun, um die Probleme an der Schule in den Griff zu bekommen. Von Investitionen in neues Lernen nicht zu sprechen.

Das ist kein Einzelfall bei staatlichen Schulen im Libanon. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Aber die schwere Wirtschaftskrise im Libanon hat dafür gesorgt, dass immer weniger Familien dazu in der Lage sind. Außerdem hat das Land in den vergangenen Jahren rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, darunter viele Familien. So erhöhte sich der Druck auf das ohnehin überforderte staatliche Schulsystem immer weiter.

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Libanon

LAND: Libanon

HAUPTSTADT: Beirut

BEVÖLKERUNG: 6,9 Millionen

WIRTSCHAFTSWACHSTUM: 0,5 Prozent

RANG IM HUMAN DEVELOPMENT INDEX: 92 von 189

Quelle: Weltbank

Nun hat sich in der Schule in Amatour, die zu den ältesten des Landes zählt, die Situation in jüngster Zeit grundlegend geändert und alle sind begeistert. Sie ist inzwischen vollständig saniert, hat ein neues Vorschulgebäude, eine moderne Heizung und Stromversorgung aus erneuerbarer Energie, zusätzliche Toilettenbauten und neue Fenster. Im Außengelände ist ein Garten angelegt worden.

Durch multifunktionale, mobile Lernstationen kann die Schule zudem nun kleine Lerngruppen unterrichten und besser auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. Staffeleien und Malzubehör oder Laptop und Beamer, alles in extra dafür gestalteten Schubladen und Fächern verstaut, bieten bei minimalem Platzverbrauch ein breites Spektrum von Lernmaterialien.

„Das ist gerade für staatliche Schulen sehr wichtig, denn wir haben Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten“, berichtet Jihane Bou Chakra, die bis 2020 die Schule geleitet hat und die Neuerungen begleitete.

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Libanon Die frühere Schulleiterin Jihane Bou Chakra ist stolz auf die Veränderungen.

Die frühere Schulleiterin Jihane Bou Chakra ist stolz auf die Veränderungen.

Grüne Schulen

Amatour ist einer der Pilotstandorte, an denen die GIZ im Auftrag des BMZ gemeinsam mit libanesischen Partnerorganisationen die schulischen Rahmenbedingungen verbessert und dabei unter anderem die Idee einer „grünen Schule“ verfolgt. Jeweils angepasst an die Bedürfnisse der einzelnen Schule. Alternative Energieversorgung etwa durch Sonnenkollektoren ist besonders wichtig, denn im Libanon gibt es regelmäßig Stromausfälle, weshalb Schulen bisher gezwungen sind, umweltschädliche und teure Generatoren zu betreiben. Und gegen die notorische Wasserknappheit im Land soll die Aufbereitung von Regenwasser helfen und die Schulen auch finanziell entlasten. Maßnahmen wie diese verringern zudem den ökologischen Fußabdruck, eine Idee die im parallel angebotenen E-Learning Programm einen besonderen Stellenwert einnimmt und durch die baulichen Veränderungen an den Schulen greifbar wird.

Fürs Leben Lernen

Eine gute Lernumgebung und Bildungschancen für alle sind Investitionen in die Zukunft. Hier setzt das Projekt „Nachhaltiges Facility-Management an öffentlichen Schulen im Libanon“ (SUFA) an. Im Rahmen der „Sonderinitiative Flucht“ des BMZ unterstützt die GIZ öffentliche Schulen im Libanon. Durch die Aufnahme von rund 1,5 Millionen Flüchtlingen aus Syrien, eine schwere Wirtschaftskrise, politische Instabilität und zuletzt die Corona-Pandemie ist das Bildungssystem des Mittelmeerstaats unter Druck geraten. Um syrische Flüchtlingskinder sowie Mädchen und Jungen in den aufnehmenden Gemeinden in dieser Situation zu stärken, wird die schulische Infrastruktur nachhaltig gefördert. Neben digitalen Angeboten, die sich besonders während der Pandemie bewährt haben, werden ausgewählte Schulen zu Vorbildern für Ökologie und Integration ausgebaut: mit Outdoor-Klassenräumen, Schulgärten, ressourcensparender Technik, barrierefreien Gebäuden und mobilen Lernangeboten.

Kontakt: Ismael Nouns, ismael.nouns@giz.de

Unterricht im Freien

Das SUFA-Projekt führt auch neue Bauformen ein, die innovative Lernmethoden fördern sollen. Dazu gehören Freiluft-Klassenräume, die sich die jährlich über 300 Sonnentage im Libanon zunutze machen und inspirierende Umgebungen unter freiem Himmel für den Unterricht schaffen. „Durch Natur lernen ist ein Thema des Projekts, darum stellen wir uns den gesamten Schulcampus als Garten vor“, sagt die libanesische Architektin Maha Issa, deren Büro „Atelier Hamra“ die Lernräume für die am Projekt teilnehmenden Schulen gestaltet: „Das ist der Anfang eines neuen Umgangs mit Schule.“ Im Bauboom der 1950er und -60er Jahre im Libanon, als viele der heutigen Schulen gebaut wurden, ging der Trend zum großen Gelände mit riesigen leeren Flächen. „Darum ist SUFA so spannend, weil es in einem Land mit viel Sonnenschein diese Freiflächen als wichtigen Bestandteil der Lernumgebung wieder einbezieht“, betont Issa.

Das ist der Anfang eines neuen Umgangs mit Schule im Libanon.

Maha Issa
Architektin vom „Atelier Hamra“

Echte Inklusion

In der Zouk-Mosbeh-Schule in Jounieh, nördlich von Beirut, sind diese Innovationen schon zu erahnen. Umgeben von Privatschulen war der Campus zersplittert, abgeteilt durch Stacheldrahtzäune, die mehr an ein Gefängnis denn an eine Bildungseinrichtung erinnerten. Außerdem waren die Gebäude marode. Obwohl die Schule als „inklusiv“ gelistet war, fehlten Rollstuhlrampen oder behindertengerechte Toiletten. Lange seien Versuche, Verbesserungen voranzubringen unter anderem am „mangelnden Interesse der Lokalpolitik“ oder Blockaden der umliegenden Privatschulen gescheitert,  erklärt Mirna Moussa, Direktorin der Zouk-Mosbeh-Schule.

Inzwischen wurden in Zusammenarbeit mit der GIZ diese Hürden überwunden und in vielen Bereichen der Schule sind die Renovierungsarbeiten abgeschlossen: eine neue Bibliothek, ein Computerraum und ein Physik- und Chemielabor sind eingerichtet und überall ist für freien Rollstuhlzugang gesorgt worden. Es gibt fünf Freiluftklassenräume, weitere Pflanzungen für Gartenbereiche sind geplant, sodass die Schülerinnen und Schüler das Außengelände so gut wie nur möglich nutzen können. Die Umbauten an dieser Schule wurden trotz aller Widrigkeiten auch im Jahr 2020 fortgeführt. Das hat ein starkes Signal an die Schüler-, Eltern-, und Lehrerschaft gesendet.

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Libanon So ist Unterricht für alle möglich: eine neue Rollstuhlrampe an der Zouk-Mosbeh-Schule in Jounieh.

So ist Unterricht für alle möglich: eine neue Rollstuhlrampe an der Zouk-Mosbeh-Schule in Jounieh.

Das Projekt in Zahlen
20

Projektschulen weisen den Weg für umweltfreundlichen und inklusiven Umbau und Management.

240.000

gesunde Schulspeisungen (Snack Boxes) in Zusammenarbeit mit lokalen landwirtschaftlichen Genossenschaften tragen zur nachhaltigen Versorgung von Kindern bei.

16

Bildungszentren landesweit werden beim Ausbau u.a. digitaler Angebote für junge Menschen unterstützt.

Im Frühjahr 2021 war die Zouk-Mosbeh-Schule wie die meisten anderen Bildungseinrichtungen wegen der Corona-Pandemie noch nicht im Regelbetrieb. Doch Schulleiterin Mirna Moussa ist schon gespannt: „Ich bin voller Hoffnung; ich stelle mir die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler vor, wenn sie ihre Schule wiedersehen, und ich bin stolz, dass wir so etwas trotz Covid-19 und der Wirtschaftskrise im Libanon schaffen konnten – die Unterschiede zwischen den staatlichen und den privaten Schulen verringern.“